Plädoyer für eine emanzipatorische Bildungskritik

Wenn mensch sich mit Bildung beschäftigt, kommt er nicht umhin, sich das Umfeld anzuschauen. Da Bildung mit den Institutionen Schule und Hochschule verbunden ist, besteht das Umfeld aus dem Lebensweg des bürgerlichen Individuums. Kurz: nach der (Hoch)Schule kommt die Arbeit, die Rente, Ende. Noch Fragen?
Wenn es uns um emanzipatorische Bildungskritik geht, dann kann Bildung nicht als Vorbereitung auf den Tod oder die Arbeit verstanden werden. Genau in dem Gefüge des vorgezeichneten Lebens verharrt jedoch „normale Bildungskritik“. Emanzipation bedeutet dahingegen Selbstbefreiung und Ausbruch aus der funktionalen Bestimmung der eigenen Bildung.
Wenn „stinknormale“ Bildungskritik bemängelt, dass das Bildungssystem nicht effektiv genug sei, meint sie eigentlich nur, dass es die Menschen nicht richtig für den Arbeitsmarkt oder zu schlechten Staatsbürgern formt. Das zeigt sich auch in den Reaktionen auf die PISA-Studie, in denen lamentiert wird, dass die deutschen Schüler gegenüber anderen „Nationen“ so schlecht sind. Auch unreflektierte Bezüge auf Humboldt und humanistische Bildungsideale oder die einseitige Klage über die Verrohung an den Schulen bzw. des Fehlens von Werten und Normen, ohne auch nur im Ansatz nach tieferliegenden Ursachen zu suchen, gehören zu den oberflächlichen Versuchen, Bildung zu kritisieren.
Emanzipatorische Bildungskritik geht in ihrer Kritik darüber hinaus und stellt den Menschen in den Mittelpunkt. Sie betrachtet ihn oder sie nicht als Funktion (SchülerIn, StudentIn, WissenschaftlerIn), auch nicht als abstrakte Zahl (wie bei PISA zum Beispiel), sondern als denkendes, fühlendes und soziales Wesen, mit dem Bedürfnis zu (über)leben, und sich darin selbst zu verwirklichen.
Das hat auch Konsequenzen für die politische Praxis. Es bedeutet darüber hinauszugehen, nur mehr Geld, mehr Lehrer oder mehr Bücher zu fordern! Es bedeutet bestimmte Vorstellungen von Bildung aufzugeben: sie nicht mehr als Vorbereitung zu begreifen, der (derzeitigen) Gesellschaft zu dienen oder sie gar als Standortfaktor zu Markte zu tragen.
Es gilt, das Ziel eben genannter Forderungen zu überdenken, sich zu fragen auf welchen Prinzipien und auf welcher Geschichte dieses Bildungssystem aufgebaut ist, zu fragen in welchem gesamtgesellschaftlichen Kontext es wirkt und was und wen es hervorbringt. Alles Fragen, die zu stellen, selbst schon ein emanzipatorischer Prozess sein kann. Deren Antworten werden zu weiteren Fragen führen: Warum muß mensch eigentlich diesen Weg durchlaufen? Und wohin führt dieser? Welchen Sinn macht das alles? Und hat das Ganze noch irgendetwas mit Selbstverwirklichung zu tun oder läuft es nicht eher auf eine permanente Fremdbestimmung hinaus?
Ein anderes Verständnis von Bildung ist nötig: als kommunikativer Prozess, der selbstbestimmt und zusammen mit anderen Menschen gelebt wird. Und es ist auch nötig sich dafür zu engagieren und nicht den vorgezeichneten Weg zu gehen, den eigenen Kopf und Körper zu verkaufen oder zu vergessen, daß man Träume hatte und Wissbegierde. Im gesellschaftlichen Leben wird beides darauf beschränkt, das eigene Überleben zu sichern und der eigenen Abstumpfung freie Bahn zu lassen.
Eine solche Bildungskritik ist an hiesigen Schulen und Universitäten leider selten zu finden.
(Quelle: www.bildungskritik.de)